Berliner Zeitung

2008 » 05. Dezember

Melancholische Grüße aus Detroit

Dreizehn Künstler aus der halbtoten amerikanischen Autostadt stellen in Berlin aus

Ingeborg Ruthe

Die Fotografin Missy Wiggins lebt in Detroit in einem Viertel, in dem Straßenkämpfe an der Tagesordnung sind. Es gibt Rassenprobleme, auch - oder gerade - nach der Wahl des schwarzen US- Präsidenten Obama. Schwarze und Weiße liefern sich mal kalten, mal heißen Krieg, obwohl es den einen wie den anderen nicht gut geht in dieser halbtoten Stadt mit geschlossenen Autofabriken, mit 4 000 leeren Bauten - verlassen, verbrettert, vermauert. Straßenschilder rosten. Auf Bürgersteigen wächst Gras, wilde Hunde streunen. Wer Detroit besucht, sollte auf trostlose Szenen gefasst sein.

Wiggins fotografierte auf den Straßen jüngere Weiße, Leute wie sie selbst. Und dann hat sie die Porträts so bearbeitet und verfremdet, dass aus den sechs Weißen Schwarze wurden. Allein die Haare blieben unverändert: blond, hellbraun, rot. Und der Hintergrund ist in ein unwirkliches weiß-schwefliges Licht getaucht. Wiggins weiß, sie hat Zombies produziert. Der Anblick dieser Manipulation sollte nicht bloß komisch sein, er will aufstören, die Frage provozieren: Wie sähe ich aus, wäre ich schwarz?

Dreizehn Künstler aus Detroit stellen das erste Mal in Berlin aus, Galeristin Eva Bracke war in die amerikanische Autostadt am Eriesee nahe der Grenze zu Kanada gereist. Dorthin brachte die Junggaleristin zuerst Berliner Künstler für eine Schau ins Museum of New Art (MONA). Die Ausstellung der Amerikaner in der Torstraße ist der Gegenbesuch. Aus der Autostadt Detroit kamen Bilder, Objekte, Skulpturen, die auf völlig unagitatorische und unsentimentale Weise von einem Brennpunkt des kollabierenden Kapitalismus erzählen. Diese Kunst entstand genau da, wo Arbeit und Ressourcen knapp und knapper werden, der Mensch überflüssig wird und damit nicht einmal mehr als Kaufkraft, als Konsument taugt.

Auch Cyrus Karimipour, Maler und Fotograf, macht unverblümt zum Motiv, was man über Detroit sagt: Seine Heimatstadt besteht aus vielen Geisterquartieren. Entseelte Wolkenkratzer fuchteln in den Himmel, der auch keine Antwort weiß auf die Frage: Wie weiter? Mit dem seit Jahren schleichenden, jetzt durch die Finanzkrise beschleunigten Tod der Autoindustrie schwindet die Bevölkerung. Es gibt, das besagen Karimipours Bilder, kein öffentliches Leben mehr. Von "Niemandsorten der Hoffnungslosigkeit" spricht er. In seinen grauen Häuser-Collagen mit den verschwimmenden Konturen und stürzenden Perspektiven jedoch gibt es Menschen, die einsam nach irgend etwas suchen. Um diese Gestalten in Jeans, mit Kapuzen und Basecaps hat der Künstler eine Brandspur als Kontur gelegt - halb Verletzung, halb Schutzwall. Zugleich besagt der brandige Umriss auch illusionslos, wie wenig Menschen in solcher Situation erreichbar sind - fürs Gute und Schöne.

Kelly Frank kam zum Studium nach Detroit. Ihre Fotoarbeit "Call" zeigt zwei kahle, aus dem Strandsand des Eriesees ragende Äste. Ein ambivalentes Zeichen für Vergehen oder neues Werden, denn Äste schlagen im Frühling neu aus. In diesem lapidaren Bild steckt die ganze traurige Geschichte der Region: Detroit, das war einstmals industrielle Blüte, Reichtum, Bürgerlichkeit. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es Zentrum der amerikanischen Automobilproduktion. Die "Großen Drei" - Chrysler, Ford, General Motors - schufen die Autostadt schlechthin. Hier gab es die erste Straße mit Betonbelag; auch gab es hier, mit dem "Davison Freeway", die erste Stadtautobahn Amerikas.

Lange prahlte Detroit mit einem Wirtschaftswachstum sondergleichen. Die Zahl der Bewohner stieg zwischen 1900 und 1950 auf 1,85 Millionen. Die amerikanische Boomtown des frühen 20. Jahrhunderts indes erlebte ab den fünfziger Jahren einen dramatischen Abstieg. Die Autokonzerne und andere Industriezweige begannen schon damals, ihre Produktionsweise zu verändern und die Fertigung in Vorstädte und den Süden der USA zu verlagern. Hinzu kam der Rassenkonflikt. Die weiße Mittelschicht, voller Ressentiments gegen Schwarze, zog an die Peripherie. 1998 waren 78 Prozent der Menschen in den Vororten weiß, 79 Prozent der Menschen der Innenstadt schwarz.

Die Malerinnen Marla Karimipour und Alison Wong indes setzen der traurigen Situation ihrer Stadt mit Romantik und Poesie zu. Erstere malt extrem schmale, intensiv blaugrüne menschenleere Landschaften mit hohen Himmeln und sehnsuchtsvollen Horizonten, gar einem Mondaufgang wie in einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde. Jedoch ist die Landschaft bei Karimipour so nur aus dem Autofenster heraus zu sehen, die Natur zieht vorbei, erreichbar ist sie nicht. Mobilität, das sagt die Malerin, ist ein hohes Gut der Freiheit in diesem Land. Aber sie hat ihren Preis. Niemand geht zu Fuß in Detroit. Keiner bleibt stehen, um mit dem anderen zu reden, ins Café einzukehren, später spazieren zu gehen.

Wong strichelt in liebevoll-akribischer Manier Paradiesvögel und Nektar suchende Bienen auf große weiße Bögen. Sie lässt eine Ratte an einer roten Rosenblüte schnuppern und knabbern.

Die Entvölkerung von Detroit mangels Arbeit, das erzählen die Bilder des vor fünfzehn Jahren aus dem nordrhein-westfälischen Lüdenscheid ausgewanderten Malers Hartmut Austen, war und ist ein Drama. Austen brachte Bilder nach Berlin, die Männer in Zimmermanns-Kluft zeigen, rote Klamotten und Hüte auf grauem Grund. Er nennt die Bilder "Spur der Steine", ganz absichtlich nach jenem in der DDR verbotenen Defa-Film von Frank Beyer. Ganz absichtlich zieht er den Vergleich: Seine Bilder sagen, wie tödlich es ist, wenn das System, wenn Politik und Wirtschaft proletarisches Handwerk, Arbeitskraft, Engagement für unbrauchbar erklären. Austens "Ballas" stehen arbeitslos im Bild herum. Abgewickelt. Egal, ob Autobauer, Bauhandwerker, Zulieferer oder Kneipenwirt.

Doch gibt es Versuche einer Reurbanisierung. "Discover The New Detroit", lockt die Detroiter Tourismusbehörde auf ihrer Website. Das "neue Hoffnungen" weckende Detroit ist klein; es liegt zwischen den Wolkenkratzern des Geschäftsviertels und dem alten, wieder hergerichteten Vergnügungsviertel Greek Town. Es gibt ein neues Baseball- und ein neues Footballstadion, drei Spielcasinos. Und im Museum of New Art docken junge Künstler an die Weltkunst an. Auch die Musikindustrie versucht, einen Standort für Labels zu etablieren. Dabei baut sie auf große Namen: Alice Cooper, Aretha Franklin und Madonna stammen aus Detroit.

Für das heutige Detroit zu werben, sei eine Herausforderung, schreibt der amerikanische Urbanist William J.V. Neil. Die leuchtenden Vergnügungstempel und die frisch renovierten Fassaden der Downtown sind tatsächlich ein zu dünnes Make-up, um das kaputte Gesicht der restlichen Stadt zu verdecken. Und es ist, als beschwöre die Bildhauerin Mary Fortuna mit ihren tragikomischen Lederpuppen - die sie als Teufel, Schaf, Fuchs und Vogel von der Berliner Galeriedecke baumeln lässt und in denen sich Voodoo-Zauber mit abendländisch religiösem Mummenschanz synkretistisch vereint - die "guten alten Zeiten" als Marionettenspiel.

Galerie Eva Bracke, Torstraße 170, bis 4. Januar. Di-Fr 12-18, Sa 14-18 Uhr.

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Foto: Missy Wiggins - "Passing in Detroit", 2008